Wenn Frauen Androiden lieben...

           Wenn Frauen Androiden lieben...

           Hier stelle ich Euch eine Leseprobe meines zweiten Bandes vor. Den Titel weiß ich noch nicht.   Der erste ist unter     https://tredition.de/publish-books/?books/ID130462/Wenn-Frauen-Androiden-lieben--wird-die-Zukunft-maerchenhaft      im Handel

Viel Spaß beim Lesen wünscht Euch
Matilda.
           Täglich telefonierte Yin mit Jasmin und fragte, ob daheim alle wohlauf waren. Eines Tages berichtete Jasmin, dass der Vater von Lea, Will und Jasmins jüngstem Sohn, Marc, um ein Gespräch mit ihr gebeten habe. Sie habe ihm bei diesem Telefongespräch gesagt, dass nur sie bei den Kindern lebe, und zwar mit einem Androiden. Und dass die Mutter von Will, also Yin, von dessen Existenz er gar nichts wusste, eine kurze Auszeit genommen habe. Seine Reaktion sei ziemlich verärgert gewesen, vor allem, weil seine Kinder von einem Androiden aufgezogen wurden und eine Mutter gar nicht anwesend war. Jasmin sagte wörtlich:

„Pass ein bisschen auf, meine Liebe, nicht, dass du unvorbereitet Besuch von einem verärgerten Samenspender bekommst! Ich muss gestehen, dass ich ihm damals bei seiner Samenspende für Will und meinen jüngsten Sohn gar nichts von dir erzählt habe und natürlich auch nichts von Wulf. Ich habe ihn im Glauben gelassen, dass ich lediglich ein drittes Kind nach meinem Abgang und Unfall wollte. Als er aber jetzt die Kinder sehen wollte, war mir klar, dass er Wills Ähnlichkeit mit ihm zweifellos erkennen wird und natürlich rechnen kann. Beide Jungen sind ja nur wenige Wochen auseinander geboren. Wulf hat mich sofort aufgefordert, ihm die Wahrheit zu sagen und gemeint, dass er das Recht habe, seine Kinder zu sehen. Bisher war er aber noch nicht hier, er hat gesagt, dass er die Situation überdenken wolle und sich dann erneut melde.“ Nach einer Pause fuhr sie fort:

„Er ist übrigens ein toller Mann mit hervorragenden Genen, das siehst du an unseren Kindern, aber zum Feind möchte ich ihn nicht haben. Ich weiß sehr wenig von ihm, eigentlich nur, dass er Ingenieur ist und monatelang immer wieder auf Montage oder sonst wo unterwegs. Er hat nie Genaues erzählt und ich habe auch nicht nachgefragt. Kennengelernt habe ich ihn damals durch seine Schwester, die hat Prostituierten in Not geholfen, sie unterstützt und sehr viel Gutes für diese armen Mädchen getan. Nicht jede hat ja das Glück, dass sie von einem     Androiden gerettet wird.“ Und sie lachte ihr Lachen, das Yin jedes Mal an eine Übermutter für Kinder und Männer erinnerte, wobei sie nicht erklären konnte, warum.

 

Einen Tag nach diesem Gespräch wollte Yin mit einem Lehrer sprechen, der ihr von Ben empfohlen worden war. Sie hatte sich entschlossen, Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren zu unterrichten, in den allgemeinbildenden Fächern. Jedes Kind, das studieren wollte, musste vor dem Studium eine Prüfung in diesen Fächern absolvieren, um nachzuweisen, dass es Lesen, Rechnen und die ethischen Grundlagen beherrscht. Aber auch geschichtliches und ein ausführliches Wissen über die klimatischen Veränderungen und Zusammenhänge wurde gelehrt und überprüft. Wenn sie einen dreimonatigen pädagogischen Aufbaukurs absolvieren würde, fühlte sie sich dieser Aufgabe gewachsen.

Yin hatte gerade ihre Wohnung verlassen und trat auf die Straße. Grundsätzlich überprüfte sie die Umgebung, wenn sie nach draußen kam. Der Mann, der gegenüber an einer Laterne lehnte, war ihr sofort aufgefallen. Er war groß, breitschultrig und trug einen Vollbart. Altersmäßig schätzte sie ihn auf etwa 35. Und als er nun auf sie zukam, war ihr klar, dass es der Vater ihres Sohnes war. Die Ähnlichkeit ließ keinen Zweifel zu. 

„Hallo, sind Sie Yin Jackson?", fragte er mit freundlicher und doch reservierter Stimme.

„Ja, das bin ich", antwortete Yin. „Und wer will das wissen?“ 

„Mein Name ist Ron Weaver, ich bin der Vater von Lea, Marc und Ihres Sohnes Will.“ Yin antwortete: 

„Das freut mich sehr, dass ich den Vater meines Sohnes kennen lerne. Leider bin ich zurzeit nicht bei ihm daheim, aber Jasmin, die Sie ja sehr gut kennen, betreut ihn bestens. Sie ist eine wunderbare Pflegemutter.“ Yin war selbst verwundert, dass sie diesem wildfremden Mann eine Story erzählte. Sie spürte, dass sie sich rechtfertigen wollte für ihre „Abwesenheit“ als Mutter. Der Mann spürte das auch. Er sagte mit einer sanften Stimme, die Yin überraschte: „Sie brauchen Ihre Abwesenheit vor mir nicht rechtfertigen. Ich habe mich über Sie und Ihre Vergangenheit schlau gemacht und Sie haben das Recht, ja sogar die Pflicht, Erfahrungen mit menschlichen Männern zu machen. Ein so schönes Mädchen sollte nicht von Anfang an mit einem Roboter zusammenleben, ohne dass es weiß, wie der Kuss und die Liebe eines menschlichen Mannes schmecken.“ Und sein Lächeln ging Yin durch Mark und Bein, besser gesagt, durch ihr Herz und ihren Bauch. Es war ein wunderbares menschliches, vieldeutiges und männliches Lächeln, das ihr klar machte, dass er an Sex dachte. Dann veränderte sich dieses Lächeln und wurde ernster, war aber immer noch freundlich und interessiert, als er weitersprach:

„Ich glaube, dass der kleine Will bei Jasmin und ihren Kindern bestens aufgehoben ist und seine Mutter eine Zeit lang entbehren kann. Ich würde nichts lieber tun und die Vaterrolle in dieser Familie einnehmen, aber ich muss wieder fort. Die Aufgabe, die ich erfüllen muss, ist für die Zukunft meines Sohnes und der ganzen Menschheit wichtiger, als wenn ich ein bisschen Papa spielen würde.“ Und Yin sah eine Trauer in seinen Augen, die sie ganz tief    berührte, weil sie diese genauso spürte.

Da standen sie nun beide auf der Straße und fühlten die gleiche Trauer und Sehnsucht nach ihrem gemeinsamen Sohn, ohne sich jemals körperlich berührt zu haben oder sich gefühlsmäßig nahe gewesen zu sein. Yin aber spürte in diesem Moment auch das völlig ungewohnte Bedürfnis, ewig in sein Gesicht und seine Augen, die ständig wechselnde Gefühle ausdrückten, zu schauen. Sie konnte sich nicht sattsehen, obwohl der Bart sie störte, weil sie gerne Gefühle auch an seinem Mund oder seinen Lippen abgelesen hätte. Sie wusste gar nicht, ob das ging. Sie wusste nichts von männlichen Gefühlen, die man sehen und schmecken konnte. Hatte er das vorhin gesagt? Ihr wurde bewusst, dass sie ihn anstarrte und sie wurde rot. Er kam ganz nah an sie heran und flüsterte:

„Ich wünsche Ihnen das Allerbeste! Nur gute Erfahrungen mit Männern und Menschen. Und ich hoffe, dass Sie dann immer noch eine wunderbare Mutter für Will sein können.“ Yin spürte seinen Atem und der roch auch nach Mann. Und sie wünschte, dass er sie küssen würde und sie ihn schmecken könnte, diesen menschlichen Mann. Aber er ging wieder einen Schritt zurück, verbeugte sich leicht und stieg in sein autonomes Auto, das sie vorher gar nicht bemerkt hatte.

Als er weg war, ging sie zurück in ihre Wohnung, in der Sarah alte Kleidungsstücke umnähte. Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen und beugte sich über den Tisch. Ihr Atem ging schnell und ihr Herz raste. Sarah schaute sie an und fragte besorgt:

„Ist dir was passiert?“ 

„Ja", antwortete Yin, „ich habe den Mann meines jungen Lebens ein bisschen schmecken dürfen und ganz schrecklichen Hunger nach mehr.“